ADHS in der Einrichtung

Heike Weber • 14. März 2025

Heike Weber - Geschäftsführerin der Sozialen Initiative Camburg e.V., Juristin, Mediatorin, ADHS-Beraterin, ADHS-Trainerin, Elternberaterin, Fachkraft für tiergestützte Intervention mit Schwerpunkt Hund

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom


Schon der Name ist sperrig und eigentlich wollen wir es gar nicht hören. Oft ist die negative Einstellung schon da, bevor das Kind überhaupt erschienen ist. Und, ja ein Kind mit ADHS kann sehr anstrengend sein, aber sind das die neurotypischen Kinder nicht auch?


In der öffentlichen Wahrnehmung wird ADHS oft als Erziehungsfehler, Modeerscheinung, Erfindung der Pharmaindustrie usw. definiert. Weil man es nicht besser weiß und weil wir die Kinder eben oft nur in bestimmten Situationen wahrnehmen. Nämlich genau dann, wenn etwas schiefläuft:

Wenn in der Gruppe 2 Kinder weinen, weil das ADHS-Kind wieder ungefragt ins Spiel eingegriffen hat. Wenn das Kind weint, weil die Umgebung zu laut ist, selbst aber unaufhörlich Lärm macht. Wenn das Kind mal wieder nicht zugehört hat.


…Dann liegen unsere Nerven oft blank, dann nehmen wir das Kind wahr und zwar wieder negativ. Unsere Vorahnung hat sich also bewahrheitet - selbsterfüllende Prophezeiung nennt man das wohl.


Aber haben wir auch gesehen, als das Kind ganz liebevoll, leise einem Freund seine Handschuhe geliehen hat, weil er gefroren hat und nun selbst kalte Hände hat, das aber nicht schlimm findet? Haben wir gesehen, wie das Kind in unserem aktuellen Projekt ganz eifrig mitgewirkt hat und die besten Ideen hatte? Haben wir gesehen, wie das ADHS-Kind ganz vehement sich für Gerechtigkeit eingesetzt hat und dabei in Kauf nahm, selbst geschimpft zu werden?


Oft übersehen wir genau das. Zu schimpfen vergessen wir aber nicht. Leider auch oft, ohne nachzufragen, warum das Kind gerade außer Rand und Band gerät.


Versetzen wir uns also einmal in das Kind:

Ich bin auf dem Hof, um mich herum rennen und hüpfen viele Kinder. Es ist laut, es ist kalt, es riecht nicht gut, ich werde geschubst. Ich stehe meistens allein, weil keiner mit mir spielen möchte. Die Erwachsenen sagen auch immer, die anderen Kinder sollen sich vor mir in Acht nehmen. Da sehe ich, wie ein großes Kind ein kleineres schubst und knufft und haut. Das geht doch nicht! Ich stürzte mich auf das größere Kind und ziehe es von dem kleinen weg. Die Kinder rundherum schreien laut, ein Erwachsener kommt, zieht mich am Arm und fängt sofort an zu schreien. Er schimpft mich, ohne zu fragen, warum ich das getan habe. Wenn ich was erklären will, werde ich nur noch mehr angeschrien.


Wie fühlt sich das an? Und was lerne ich daraus?


Es fühl sich schlecht an und ich lerne, egal, was ich mache, ich bekomme Ärger. Also eine Endlosschleife.


Und ja, das passiert nicht selten in den Einrichtungen. Wie ginge es vielleicht besser, nervenschonender für die Erwachsenen und die Kinder?


Unbestritten ist die Arbeit mit Kindern per se schon anstrengend und unter den Bedingungen des Fachkräftemangels und unpassender räumlicher Ausstattung nicht wirklich leicht, trotzdem machen die meisten Pädagogen ihre Arbeit mit Liebe und Freude und deshalb bedarf es eigentlich nur ein paar kleiner Stellschrauben und es klappt auch mit dem ADHS-Kind.


Drehen wir also alles noch mal auf Anfang: Das Kind mit Diagnose kommt in die Einrichtung und ich denke mir „Schön, da kommt ein Kind mit vielen Ideen, das gerne hilft und viel Spaß verbreiten kann.“ Ich denke mir: „Was braucht das Kind, damit es das kann?“


Ich frage die Eltern, als Experten für Ihr Kind, was das Kind denn besonders gut kann. Oft kommen die Eltern dann ins Grübeln, weil sie bisher immer nur gehört haben, was das Kind nicht kann. Wenn ich dann weiß, was das Kind gut kann, sorge ich für Erfolgserlebnisse des Kindes in der Gruppe und binde es gut ein, indem ich es kleine Hilfeleistungen ausführen lasse. Der Spaß kommt dann von ganz alleine.


So leicht soll das sein? Das kann doch gar nicht sein… Nein, ist es auch nicht. Man muss auch noch ein paar andere Dinge beachten.


Erstens sollte ich wissen, dass das ADHS-Kind einen neurologisch anderen Stoffwechsel hat, sodass Reize aller Art viel intensiver und ungefiltert wahrgenommen werden. Wenn ich das weiß, dann fällt es mir leichter zu verstehen, warum das Kind öfter mal eine Auszeit braucht, warum Reize so oft zu unverständlichem Verhalten führen und dass das Kind, das auch nicht ändern kann.


Aber sorgen wir dafür, dass das Kind bei Reizüberflutung eine Auszeit nehmen kann, bleiben wir ruhig und gelassen und verlässlich in unserem Auftreten, stellen wir nur immer eine Aufgabe und sind wir konsequent in unseren Anforderungen, dann kann sich das ADHS- Kind orientieren und ein fast normales Zusammenleben kann beginnen. Und das Schönste dabei ist, die anderen Kinder profitieren auch davon.


Natürlich bringt das Zusammenleben mit einem ADHS-Kind noch viel mehr Herausforderungen und unsere heutige Zeit ist überhaupt nicht für Menschen mit Reizfilterschwäche geeignet, aber wir müssen uns dem stellen, weil wir Menschen mit Kreativität und viel Energie in Zukunft brauchen werden.


Um noch einmal auf den Anfang zurückzukommen: Vielleicht denken wir künftig, wenn ein Kind mit ADHS in die Gruppe kommt „Das sind doch auch nur Buchstaben, es könnte auch EÜBS – Energieüberschuss-/Bewegungssyndrom – heißen“ und bieten dem Kind ein freundliches Willkommen.


Seminare der Bildungswerkstatt zum Thema ADHS:


  • ADHS und die Möglichkeiten des (Class-)Room-Managements: Web-Seminar am 19.03.2025
  • Jedes Kind hat seine Meise - und bei uns wird sie gepflegt: Seminar in Mainz am 27.03.2025
  • Jedes Kind hat seine Meise - und bei uns wird sie gepflegt: Seminar in Augsburg am 04.04.2025
  • Tiergestützte Intervention in Kita und Schule: Web-Seminar am  13.05.2025
  • Entspannt mit Kindern mit ADHS umgehen: Workshop in Dresden am 20.05.2025
  • Eat the Frog, First Brick - Methoden zur Aufgabenbewältigung mit ADHS: Web-Seminar am 21.05.2025
  • Kinder mit ADHS und ein Hund - geht denn das?: Web-Seminar am 22.05.2025
zu den Seminaren
von Fabian Weber 21. Februar 2025
Fabian Weber – B.A. Sozialarbeiter / Sozialpädagoge, M.A. Psychosoziale Beratung in der Sozialen Arbeit, Dozent im Sozialwesen, ehem. Kitaleiter
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