Wir müssen reden – über die Fetale Alkoholspektrumstörung

Am Ende des Beitrags findest du passende Seminare

Wir müssen darüber reden können. Und wir müssen uns Gehör verschaffen. Über was? Über die Fetale Alkoholspektrumstörung.
 
Ich arbeite seit 15 Jahren in der Inklusion. Ich habe Downkinder, ADHSler, Autisten und Legastheniker betreut. Für diese Kinder gibt es bewährte Maßnahmen. Doch vor etwa zehn Jahren veränderte sich mein Berufsfeld gravierend. Ich betreute ein Kind, dessen Verhaltensweisen ich keiner der gängigen Störungen zuordnen konnte. Zu diesem Zeitpunktwar mir die Ursache noch nicht bekannt.
 
Ich war oft ratlos und wusste mir nicht zu helfen. Ich bewegte mich ganz allmählich an die Grenze zu einem inneren ausgebrannt sein. Jetzt weiß ich warum: das war meine erste Begegnung mit der Erkrankung FASD. 
 
Wenn man für etwas brennt, kann man daran verbrennen. Aber ich brenne bis heute für diese Kinder; für ihr bizarres Sozialverhalten, das weder zum autistischen Spektrum passte, noch zu ADHS. Für ihre manchmal zu kleinen Köpfe, die abstehenden Ohren und die schmalen Oberlippen. Einmal fragte ich zwei Kinder, ob sie verwandt seien; aufgrund ihrer äußerlichen Ähnlichkeiten. Das waren sie nicht. Die Ursache für die Ähnlichkeit erkannte ich erst später.
 
An ein Mädchen kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es flüsterte mir während des Unterrichts immer zu: „Ich weiß nicht, was ich machen soll? Ich höre, dass die Lehrerin
spricht, aber was will sie?“ Eines Tages bedrohte diese Schülerin ihre Klassenkameraden im Klassenchat. Eine Mutter schaltete daraufhin die Polizei ein. Ich muss nicht ausführen, wie traumatisch es für das Mädchen war, als die Polizei zu ihr in die Schule kam. Das brachte viel zutage: Zum Beispiel hatte der Vater des Kindes dessen FASD-Diagnose verheimlicht, aus Angst, seiner Tochter damit zu schaden. Dabei hätte man ihr besser helfen können.
 
Dessen Lehrerin nahm damals nur an, das Mädchen sei schlecht erzogen. Sie ließ es gefühlt 100 Mal die gleiche Strafarbeit schreiben. Natürlich veränderte sich nichts am Verhalten des Kindes. Ich schlug der Lehrerin vor, sie möge sich mit einem Kinderpsychiater in Verbindung setzen, um mehr Informationen über dieses sehr komplexe Krankheitsbild zu erhalten. Das lehnte sie ab.
 
Zwei Jahre später saß ich mit einem siebenjährigen FASD-Jungen in einer Förderschule. Weil sein IQ bei 90 lag, waren sich alle sicher: Es läuft mit uns beiden. Bis zu dem Tag, an dem er einer Lehrerin seinen Zirkel ins Bein stieß. Da lief vor allem Blut. Einige Wochen später hat der Junge mich so geschlagen, dass ich mehrere Wochen krankgeschrieben war.
 
In diesen Wochen fing ich an, mich intensiv mit dem Thema Alkohol in der Schwangerschaft zu beschäftigen. Daraus ist mein Seminar entstanden. Und ich bin heute mehr denn je der Meinung, dass eine FASD-Diagnose kein „sinnloses Label“ zum Nachteil des Kindes ist oder eine Stigmatisierung der betroffenen Mütter. Denn sie verschafft vor allem Hilfe.
 
Ich möchte reden, nicht nur wegen diesem Mädchen. Man muss über die Diagnose FASD reden dürfen. Nur dann können wir ein Setting finden, das den Betroffenen gerecht wird.

Seminare der Bildungswerkstatt zum Thema Fetale Alkoholspektrumstörung:

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert